2.Experten Talk


Hundt, Multifunktionär und früher geschäftsführender Gesellschafter der Allgaier-Werke in Uhingen, referierte über „Herausforderungen für Politik und Wirtschaft im neuen Jahrzehnt“. Eine dieser zentralen Herausforderungen, machte Hundt gleich zu Beginn seines Vortrags deutlich, sei der Fachkräftemangel. Heute schon fehlten 120000 Fachingenieure und Fachkräfte im naturwissenschaftlich-technischen Bereich und 30000 im Pflegebereich. Eine Situation, die sich noch erheblich verschärfen wird, warnte Hundt. Wenn nicht schnellstens gegengesteuert werde, müsse man von einem in die Millionen gehenden Fachkräftemangel im Jahr 2030 ausgehen.
Es gelte, das „heimische Potenzial“ auszuschöpfen, forderte der Referent. Was er darunter versteht: zum Beispiel die bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf durch flexible Arbeitszeitmodelle und Angebote wie betriebliche Kindergärten. Dass gundsätzlich zu wenig Frauen in Führungspositionen tätig seien, räumt Hundt ein, sowohl im Mittelstand wie auch bei den großen DAX-notierten Konzernen. Er spricht sich aber klar gegen eine gesetzliche Frauenquote aus („Auch wenn ich es mir damit mit der Kanzlerin verderbe“). Eine Quote sei „praxisfern und demotivierend“.
Zudem bräuchte das Land eine Entwicklung „hin zu mehr älteren Arbeitnehmern im Erwerbsleben“. Hundt schrieb der Politik ins Lastenheft, die Rente mit 67 auf gar keinen Fall wieder aufzuweichen und keine Ausnahmen zu zementieren. Schon wegen der Finanzierbarkeit der sozialen Sicherungssysteme führe kein Weg an längeren Lebensarbeitszeiten vorbei. Da dürfe man sich auch nicht von der aktuellen Wirtschaftsdynamik und den damit verbundenen Steuereinnahmen blenden lassen.
Der Arbeitgeberfunktionär machte sich für eine Zuwanderungspolitik stark, die durch arbeitsmarktrelevante Instrumente gesteuert wird, und redete von einer „Willkommenskultur“. Sprich: Zuwanderung und dauerhafter Aufenthalt müsse für Menschen erleichtert werden, die die Wirtschaft braucht. Länder wie beispielsweise Kanada und Australien würden das vorbildlich vorexerzieren.
Boom hin oder her – „Deutschland zehrt von der Substanz“, beklagte der Referent. Die daraus resultierende Forderung: Die Rahmenbedingungen für Investitionen müssten verbessert werden. In kaum einem anderen Land werde so wenig investiert wie bei uns. Deutschland leide seit 20 Jahren unter einer strukturellen Investitionsschwäche, was mit Fragen der Besteuerung zu tun habe, aber auch mit der Unsicherheit als steter Begleiterin bei großen Infrastrukturmaßnahmen. Sowohl die Wirtschaft wie auch die öffentliche Hand müssten deutlich mehr investieren. Zudem müsse sich die Bundesrepublik mehr für ausländische Investoren öffnen, forderte Hundt.
Direkt vom Energiegipfel in Berlin gekommen, sprach sich der 72-Jährige am Mittwochabend für die Atomenergie als Brückentechnologie und gegen einen „überstürzten Ausstieg“ aus.
Ein Plädoyer für die Kernenergie
als Brückenlösung

„Wir benötigen die Kernenergie noch für einen längeren Zeitraum“, so seine Überzeugung. Eine Watschen gab es für die Bundespolitik. Das Moratorium mit dem Abschalten von sieben Kernkraftwerken sei „völlig überstürzt“ gewesen und „nicht glaubwürdig und nicht zukunftsorientiert“.
Die Umstellung auf erneuerbare Energien koste extrem viel Geld. Wenn Energie ungewiss und überteuert sei, so die wenig verschleierte Drohung, müssten Unternehmen sich überlegen, ob sie noch in Deutschland produzieren können.
In einer anschließenden kleinen Gesprächsrunde kamen Vertreter der heimischen Wirtschaft zu Wort. Dabei bestätigte Wolfgang Grüb, Geschäftsführer der Lorch Schweißtechnik in Auenwald, die Sorgen vor einem eklatanten Fachkräftemangel, der für sein Unternehmen eine der großen Herausforderungen darstelle. Trotz einer hohen Ausbildungsquote von etwa zehn Prozent sei man „händeringend“ auf der Suche nach Fachingenieuren, sagte Grüb. Er machte auch deutlich, wie sehr die heimischen Global Player vom Export abhängig sind. „Wir verkaufen mehr im Ausland als in Deutschland“, erklärte er.
Turgay Güngormus, der geschäftsführende Gesellschafter der Kerres-Anlagensysteme GmbH Backnang, berichtete Ähnliches. 80 Prozent der Produkte gehen in den Export. Der Unternehmer räumte frank und frei ein, dass man zwar auch schon im Ausland produziert habe, nach stetigen Qualitätssschwankungen aber heute wieder auf den Produktionsstandort Backnang setzt.
Der Vorstandsvorsitzende der Volksbank Backnang, Werner Schmidgall, hob in seinem Redebeitrag hervor, dass die genossenschaftlich- und die öffentlich-rechtlich organisierten Banken als Gewinner aus der Wirtschaftskrise hervorgegangen seien. Das Vertrauen in diese Kreditinstitute (auch als Partner der heimischen Wirtschaft) sei sogar gestiegen.